Warum festivalpilot? Aus 30 Jahren Festivals wurde eine App

Thomas über das Geburtsjahr 76, durchgeweichte Zettel im Zelt — und warum nach 19 Jahren festivalisten.de jetzt eine Festival-App folgt.

Es gab dieses eine Festival, da hing der gefaltete A4-Zettel mit meinem Plan an einem Karabiner an der Gürtelschlaufe. Bis zum dritten Tag war er aus Versehen einmal durch eine Lache gegangen, einmal vom Bierregen erwischt worden und zweimal beim Schlafen geknüllt worden. Lesbar war er da noch zu schätzungsweise 30 Prozent. Welche Band wo spielt? Erraten anhand der ersten zwei Buchstaben.

Das war ungefähr der Moment, an dem ich dachte: Es muss eine bessere Lösung geben als ausgedruckte Schedules, die im Zelt vergessen werden oder als Lineup-PDF mit drei parallelen Bühnen, durch das man scrollt, bis das Display schwarz wird.

Wer ich bin

Ich bin Thomas, lebe im Raum Frankfurt, baue seit über zehn Jahren Webseiten und Software und bin Anfang der 1990er auf mein erstes Festival gefahren. Mit einer zehnjährigen Unterbrechung Anfang der 2000er bin ich seitdem dabei — manche Jahre mit zehn bis zwölf Festivals.

Die Zahl 76 im Markennamen seventysix ist mein Geburtsjahr. Festivals sind seit über drei Jahrzehnten der Teil meines Sommers, auf den ich aktiv hinplane. Southside und Rock im Park sind meine Homebase. Früher gehörten Taubertal und Highfield zwingend in den Jahresplan. Manche Festivals kommen, manche gehen — ich bleibe.

19 Jahre festivalisten.de

Im Jahr 2007 haben wir festivalisten.de gegründet. Zu Hochzeiten waren wir sechs feste Redakteur:innen, die jedes Wochenende auf einem anderen Acker standen und Reviews, Interviews und Konzertfotos in eine WordPress-Maske gegossen haben. Mittlerweile mache ich das Blog allein, nebenbei. Der Stil ist geblieben: persönlich, ehrlich, keine Pressemeldungen abschreiben.

Festivalpilot ist gewissermaßen der nächste logische Schritt aus dem festivalisten-Kosmos. Festivalisten erklärt vor und nach dem Festival, was läuft. Eine App kann etwas, das ein Blog nie konnte: dich am Festival selbst durch den Tag begleiten, wenn das WLAN weg ist, der Akku auf 23 Prozent steht und vor der ersten Bühne plötzlich zwei deiner Headliner gleichzeitig anfangen.

Warum nicht die App vom Festival selbst?

Ich mag die offiziellen Apps der Veranstalter ehrlich gesagt nicht besonders. Entweder sie sind technisch schlicht schlecht — laden ewig, vergessen deine Markierungen zwischen App-Starts, kein Offline. Oder sie sind auf Marketing und Tracking optimiert: Push-Notifications für den Merch-Shop, Permissions für alles, was Android und iOS hergeben, und natürlich für jedes einzelne Festival eine eigene App, die du nach drei Tagen wieder löschen kannst.

Was keine dieser Apps liefert: einen ehrlichen Multi-Festival-Ansatz. Du gehst nicht nur zu Wacken. Du gehst zu Wacken und Rock im Park und Hellfest. Du willst die Daten, die Markierungen und die Konflikt-Auflösung dafür an einer einzigen Stelle.

Privacy first ist keine Marketing-Phrase

Bei allen Apps, an denen ich arbeite, gilt für mich derselbe Anspruch: Privacy first, DSGVO-clean, du behältst das Heft selbst in der Hand. Das ist keine nachgeschobene Compliance-Übung, das ist die Voreinstellung.

Konkret heißt das: deutscher Server (Hetzner Nürnberg, keine US-Cloud, kein Cloudflare in der Mitte), kein Account, kein Login, kein Profil. Tracking gibt es nur, wenn du im Onboarding aktiv zustimmst — und auch dann nur Crashlytics und Analytics, nicht für Werbenetzwerke. Festival-Daten und Markierungen leben lokal auf deinem Gerät. Was nicht da ist, kann auch nicht abfließen.

Das ist eine bewusste Entscheidung. Eine Festival-App muss nicht wissen, wer du bist, um dir zu sagen, wann die nächste markierte Band spielt.

Solo. Indie. Kein Druck.

Festivalpilot ist mein Herzensprojekt — gebaut von einer Person, nebenbei, ohne VC, ohne Pitchdeck, ohne KPI-Reporting für Investoren. Die gesamte Infrastruktur kostet unter 12 Euro im Monat. Das ist Absicht.

Wenn jemand kommt und sagt “verkauf das an Eventim, da gibt es ein paar Millionen”, lautet die Antwort: eher nicht. Das wäre auch nicht das Projekt, das ich gerade baue. Wenn ein paar Euro reinkommen, freut mich das. Wenn es bei einem Werkzeug bleibt, das ich selbst jedes Jahr im Juni dabeihabe — auch gut.

Wo wir gerade stehen

  • Android: in Review bei Google. Approval erwarte ich in etwa sieben Tagen.
  • iOS: die Submission startet noch heute. Es muss vor den ersten großen Festivals der Saison live sein, sonst wird das nichts mit den ersten Weiterempfehlungen unter Freund:innen.
  • Marketing-Site und Backend: seit Ende April live. Beides läuft auf eigener Hetzner-Infrastruktur in Nürnberg.
  • Lineups: 916 Bands mit echten deutschen und englischen Bios, Wacken komplett, Rock am Ring und Rock im Park mit realen Setzeiten.

Was als nächstes kommt

Mein Wunschfeature aus der Sicht eines Festivalgängers, der seit über 30 Jahren auf Festivals geht: ein Festivalmodus, der proaktiv hilft, ohne zu bevormunden. Etwas, das mir am Festivaltag den nächsten klugen Schritt zeigt, ohne mir den Tag wegzuoptimieren. Das liegt in der Planung und soll im Optimalfall noch vor Juni rauskommen.

Wie schnell und in welche Richtung sich die App danach weiterentwickelt, hängt ehrlich gesagt davon ab, wie viele Leute sie wirklich nutzen. Mein konkretes Ziel: 1000 Installationen im ersten Jahr — also bis zum Ende der Saison 2026. Das halte ich für realistisch-ambitioniert. Wenn die Nachfrage da ist, baue ich festivalpilot weiter aus. Wenn sie ausbleibt, fließt die Zeit eben in Vereinsgeist oder CateringBuddy — die nächsten Projekte stehen schon halb in der Schublade.

Den Plan diesmal trocken halten

Was ich mir für die kommende Saison wünsche: Ihr ladet euch die App. Ihr markiert eure Bands. Ihr stellt fest, dass die Konflikt-Auflösung tatsächlich was bringt, weil eure beiden Lieblingsbands wieder mal parallel laufen. Und ihr schreibt mir, wenn etwas nicht funktioniert oder wenn ein Lineup veraltet ist — die App hat dafür einen Knopf, ich bekomme den Hinweis direkt.

Wenn die App den ausgedruckten Zettel im Zelt ersetzt, bevor er beim ersten Regen unleserlich wird, habe ich gewonnen.

— Thomas